Vom Ausräumen des Kleiderschranks meiner verstorbenen Mama

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Foto vom 27.04.2019

Vom Ausräumen des Kleiderschranks meiner verstorbenen Mama

„Mist, ich hatte gehofft, dass wenigstens die offenen Schuhe passen!“, dachte ich verärgert und zwängte meinen Fuß aus dem viel zu kleinen Schuh der einst meiner Mama gehörte. Mein Blick geht zur Türe. Ja – wir bedienen uns ungefragt an dem Kleiderschrank meiner Mama. Aber meine Mama ist nicht mehr da, um uns liebevoll in die Schranken zu weisen. Meine Mama ist Tod und wird uns wohl niemals mehr aus dem Ankleidezimmer vertreiben.

Ich stand mit meiner Schwester Anna gemeinsam im Ankleidezimmer meiner Eltern inzwischen von vielen Umzugskartons, Stapeln und offenen Schränken. Anna probierte gerade die ziemlich verrückte Leoparden Felljacke an und betrachtete sich im Spiegel. „Furchtbar“, dachte ich mir. Anna setzte sich noch eine viel verrücktere Fellmütze auf und strahlte über beide Ohren. Unser Kleidungsstil war völlig verschieden, genau wie unsere Kleidergröße.

Mama war jetzt seit 3 Jahren tot und wir sortierten in einem Großprojekt die Kleidung aus. Ich finde, so einen Schrank leer zu räumen ist mehr als nur eine sehr zeitaufwändige Aufgabe. Es ist eine große, emotionale Herausforderung, die wir uns jetzt stellten. Ich war so dankbar meine kleine Schwester an meiner Seite zu haben. Ich war so dankbar, dass mein Vater uns den Freiraum und die Zeit gab, die wir brauchten.

Immer wieder hatten wir zwischenzeitlich bereits einige Kleidungsstücke aus den Schränken in unsere geräumt, getragen oder verschenkt. Trotzdem war der Kleiderschrank noch prall gefüllt mit Erinnerungsstücken und wollte auch nicht leerer werden. „Lass uns strategisch vorgehen!“, schlug ich vor. Ich holte verschiedene Kartons und teilte sie wie folgt auf:

Spenden-Karton
Second-Hand Verkauf
Verschenken

Der eigentliche so geniale Trick funktionierte allerdings nur bedingt. Schnell war der Spenden-Karton völlig überfüllt und bekam Gesellschaft von weiteren 7 Kartons. Der „Verschenken-Karton“ wurde in verschiedene Namen benannt, der dann in Form von verschiedenen Kleidungshügeln den Raum ausfüllte. Das hatte ich mir eindeutig einfacher vorgestellt – nicht nur emotional, sondern auch körperlich.

Foto vom 27.04.2019

Ich zog mir ein Kleid an und betrachtete mich im Spiegel. An meinem Bauch zeichnete sich meine Kugel ab. „Keine Ahnung ob mir das passt, wenn ich nicht schwanger bin!“, raunte ich durch das Zimmer. „Ich behalte das einfach!“. Noch heute gibt es eine Abteilung in meinem Kleiderschrank mit Kleidern meiner Mama – in die ich hoffentlich irgendwann mal reinpasse. Meine Tochter ist inzwischen fast 2 Jahre, trotzdem kann und werde ich mich nicht von diesen Kleidern trennen! Ich muss mich auch gar nicht trennen! Ich muss gar nichts loslassen, sofern ich das nicht möchte! Und das bedeutet überhaupt nicht, dass ich meine Trauer nicht verarbeitet habe oder gar in alten Zeiten feststecke. Ich habe einfach die Entscheidung getroffen, die sich für mich richtig angefühlt hat und immer noch fühlt. Die Kleider meiner Mama sind nach wie vor Teil meines Lebens.

Was ich dadurch gelernt habe? Es gibt gar nicht den richtigen Moment. Ob nach 2 Monaten, 2 oder 5 Jahren – wenn wir die Möglichkeit haben, können uns sollten wir das gemeinsam mit unserem trauernden Umfeld entscheiden. Und egal wie viel Zeit nach dem Tod vergangen ist, es ist genau dann richtig, wenn du es für dich selbst so entscheidest.

Wie ist das bei dir? Hast du den Kleiderschrank deiner Mama bereits ausgeräumt? Wer hat dir dabei geholfen? Was waren deine Ängste? Ich würde mich total freuen, wenn du deine Erfahrungen in den Kommentaren hinterlässt, und so vielleicht auch anderen Sternentöchtern, denen diese Herausforderung noch bevorsteht, etwas hilfst!!

Höre auch die aktuelle Podcastfolge zu genau diesem Thema. Dort verrate ich dir auch noch ein paar Tipps und Tricks, wie du den Habseligkeiten ein neues Zuhause schenken kannst.

 

 

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1 Kommentar auf “Vom Ausräumen des Kleiderschranks meiner verstorbenen Mama

  1. Lisa Schmidt sagt:

    Liebe Lisa,

    mein Name ist auch Lisa. Ich bin 35 Jahre alt und komme aus Bremen.

    Ich weiß genau wovon Du sprichst, denn auch ich musste bereits Trauererfahrungen machen. Ich war gerade einundzwanzig, als mein Papa ganz unerwartet starb und neunundzwanzig als ich meine Mama 2016 verlor. 😢😢

    Erst in diesem Jahr habe ich es geschafft, den größten Teil Ihrer Sachen wegzugeben. Und das nur, weil ich Hilfe hatte und was soll ich sagen… mein Herz hat auch nach den ganzen Jahren geblutet. 😭

    Aber natürlich konnte ich nicht alles weggeben, einige besondere Teile habe ich behalten.

    An besonders schweren Tagen hilft mir eine Lieblingsbluse meiner Mama, indem ich sie ganz fest an mich drücke. Ihr Geruch hängt noch an dem Stoff.
    Die Bluse hat mittlerweile eine andere Form, ein großer Trostifant ist daraus geworden. 💕

    Genäht von meiner besten Freundin Alessia, der ich unendlich dankbar bin! 💕

    Auch sie musste im letzten Jahr eine ganz ähnliche Erfahrung machen und durch unseren ständigen Austausch über unsere Gefühle ist unser gemeinsames Herzensprojekt entstanden.

    💕 Herz & Stich 💕

    Wir nähen einzigartige Erinnerungsstücke aus der Kleidung von Verstorbenen. Wir möchten den Hinterbliebenen so Trost schenken und Ihnen bei Ihrer Trauerarbeit helfen!

    Bitte verzeih, dass ich jetzt etwas Werbung in eigener Sache gemacht habe. 🙈 Aber als ich diesen Beitrag gelesen habe, hatte ich das Gefühl schreiben zu müssen.

    Ich wünsche allen Sternentöchtern ganz viel Kraft und Stärke!!!! ✨💕✨

    Herzliche Grüße
    Lisa 🙋🏼‍♀️💕

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